Lent-Kaserne

In Rotenburg ist eine Diskussion um die Umbenennung der Lent-Kaserne entbrannt.

Auslöser war ein Artikel am 23.05.2014 in der Rotenburger Kreiszeitung. In diesem stellte der stellvertretende Standortälteste Oberstleutnant Schweda eine Änderung des Namens der Kaserne in Aussicht. Als Begündgung gab er an, dass Lent nach dem gegenwärtigen Traditionsverständnis nicht beispielgebend – und damit nicht sinnstiftend für die heutige Bundeswehr sein könne.

Dabei bezog er sich auf den Traditionserlass von 1982, in dem es heißt:

„Tradition ist die Überlieferung von Werten und Normen. Sie bildet sich in einem Prozess wertorientierter Auseinandersetzung mit der Vergangenheit.“
(…)
„Kasernen und andere Einrichtungen der Bundeswehr können mit Zustimmung des Bundesministers der Verteidigung nach Persönlichkeiten benannt werden, die sich durch ihr gesamtes Wirken oder eine herausragende Tat um Freiheit und Recht verdient gemacht haben.“

Der Bezug zum „Dritten Reich“ wurde 1997 vom damaligen Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU) konkretisiert, als er sagte:
„Die Wehrmacht war als Organisation des Dritten Reiches in ihrer Spitze, mit Truppenteilen und mit Soldaten in Verbrechen des Nationalsozialismus verstrickt. Als Institution kann sie deshalb keine Tradition begründen.“

Die Zeitschrift der Bundeswehr „Y“ schreibt dazu:

Schriftlich hat sich das bisher nicht in einer Neufassung des Erlasses niedergeschlagen. Es gilt aber inzwischen in der Truppe als Allgemeingut. (…)  Die Richtlinien von 1982 stellten fest: „Die Bundeswehr pflegt bereits eigene Traditionen, die weiterentwickelt werden sollen.“ Das war damals vielfach noch ein frommer Wunsch. Inzwischen scheint es aber Wirklichkeit zu werden.

Tradition kann in der Bundeswehr jedoch nicht verordnet werden – und wird daher auch nicht „von Oben“ bestimmt. Es wird jedoch erwartet, dass sich das Traditionsverständnis der Soldaten in einen Bereich hineinentwickelt, der mit dem Traditionserlass konform ist.

Die Reihenfolge der Schritte ist bei der Wahl eines  Kasernennamens ist festgelegt: Das Vorschlagsrecht für einen Namen geht daher immer von der Kaserne selbst aus. Nachdem der Findungsprozess in der Kaserne abgeschlossen wurde, ist dies dem Kommando Heer mitzuteilen, von diesem zu prüfen und ggf. zu genehmigen. Erfolgt eine Freigabe, ist die Kommune und danach (sofern eine Person der Namensbeger ist) sind die Hinterbliebenen einzubeziehen. Danch ist der Namenswunsch der Verteidiungsministerin zur Genehmigung vorzulegen. Abweichend von diesem Procedere hatte sich jedoch früh eine lokale Initiative gebildet, die sich für die Beibehaltung des Namens einsetzte und Einfluss auf die Kaserne und die Politik nahm.

Die Positionen der Grünen im Stadtrat

Durch den Bürgermeister wurde ein Ratsantrag vorgelegt, der den Rat der Stadt zu Zustimmung der Beibehaltung des Namens bat. Als Argumente wurde vorgebracht, dass sich die Rotenburger und auch ehemalige mit dem Namen Lent-Kaserne identifizierten und dass ein Gutachten feststellte, dass Lent „kein Nazi im eigentlichen Sinne“ gewesen sei. Mitglieder der Grünen im Stadtrat sprachen sich mit deutlichen Worten gegen eine Forderung der Stadt zur Beibehaltung des Namens aus. So könne ein Unrechtsregime nicht die Tradition einer heutigen Kaserne mitbegründen, so Elisabeth Dembowski (Die Grünen). Grundlage für einen Namen müsse ein freiheitliches und demokratisches Grundverständnis sein. So sei es vom Bundesverteidigungsministerium festgelegt. Man müsse den Soldaten in der Kaserne eine Chance auf einen neuen Namen geben, so Dembowski. Auch die anderen Mitglieder sprachen sich dafür aus, den Antrag abzulehnen oder sich zu enthalten oder aber die Abstimmung zu verschieben. Dabei wurde zum einen darauf hingewiesen, dass der Kreistag des Landkreises eine ähnliche Abstimmung bereits verschoben hatte. Der Ratsantrag wurde mit allen Stimmen der CDU und einigen Stimmen der SPD angenommen.

Der weitere Verlauf

Die Diskussion ginig auch nach dieser Abstimmung weiter und es erschienen längere Artikel über die Debatte u.a. im Weserkurier und es wurde einige Leserbriefe verfasst, die unterschiedliche Positionen vertraten. Am 30.11. wird von Radio Bremen eine Diskussion zum Thema Lent im Ratssaal der Stadt Rotenburg aufgezeichnet.

(Zwischen-) Fazit

Bei den Mitgliedern der Grünen gibt es sehr unterschiedliche Haltungen gegenüber der Bundeswehr, darunter Pazifisten, aber auch ehemalige Soldaten der Lent-Kaserne. In Anerkennung des demokratisch legitimerten an die Bundeswehr übertragenen Auftrags und auch in Anerkennung der heutigen Soldaten, die Risiken auf sich nehmen und Einsatz in schwierigen Umfeldern zeigen, stellt der Ortsverband der Grünen fest:

  1. Die Abstimmung im Rat zur Namensfindung widersprach den von der Bundeswehr vorgegebenen Abläufen und beeinflusste die Soldaten vor Ort bei der Namensfindung.
  2. Die Grünen stellen sich hinter das von Volker Rühe (CDU) oben beschriebene Verständnis des Traditionserlasses, das beinhaltet, dass soldatische Fähigkeiten und Tugenden von Namensgebern nicht ohne den Kontext innerhalb dessen sie zum Einsatz kamen, isoliert zu betrachten und zu bewerten sind.
  3. Die Grünen stellen sich hinter die Formulierung des Traditionserlasses, dass Namensgeber sich „um Freiheit und Recht “ verdient gemacht haben sollten. Es ist aus unserer Sicht nicht erkennbar, dass Helmut Lent sich im Rahmen dieser Definition bewegt. Insofern teilen wir die Einschätzug von Oberstleutnant Schweda.
  4. Die Kaserne hat über ihren Pressesprecher verlauten lassen, das intern Einigung für einen Namen besteht „für den Fall der Umbenennug“.  Der vom Rat der Stadt ausgesprochene Wunsch, dass die Kaserne den Namen behalten möge, kann nicht dazu führen, dass unter den Soldaten Kaserne ein Traditionsverständnis etabliert wird, das sich außerhalb der Grenzen des Traditionserlasses von 1982 bewegt.

Rotenburg, d. 25.11.2016
Autor: Marc Andreßen