Erich Bauliche

Erich Paulicke beim Malen im Atelier.

Buhrfeind-Straße – Reaktion auf die Petition

Pastor Bughrfeind - Euthanasie - lebensunwertes LebenAnlass der Diskussion

Anlässlich einer Petition zur Umbenennung der Buhrfeind-Straße hatte am 26.10.2017 der Rat über einen Vorlage des Bürgermeisters zu entscheiden.  Der Kern der Petition beinhaltete die Frage, inwieweit eine Person, die schon im Winter 1931/32, also vor der „Machtergreifung“ Ideen und Praktiken der Euthanasie und Eugenik lehrte und überregional verbreitete, als Namensgeber geeignet sei. So schreibt Herr Fricke in seiner Petition:
„Auch im Falle von Pastor Buhrfeind tritt wiederum ein aufschlussreiches Geschichtsverständnis zutage. Die Rotenburger Anstalten führten bereits 1931 „das Problem der Abkürzung lebensunwerten Lebens“ in den Lehrplan der Pflegerausbildung ein und propagierten dieses auch überregional.“

Vorlage des Bürgermeisters

Bürgermeister Andreas Weber legte dem Rat eine Beschlussvorlage vor, in der er um Zustimmung bat, den Namen beizubehalten. Er begründete dies mit den folgenden Worten
Buhrfeind Rotenburg Euthanasie Eugenik„Es gibt in Rotenburg den Buhrfeind-Saal, das Buhrfeind-Haus und die Buhrfeindstraße.  Pastor Johannes Buhrfeind war von 1903 bis 1942 Vorsteher der Rotenburger Anstalten und des Diakonissen-Mutterhauses und zählte seinerzeit zu den Rotenburger Honoratioren. (…) Das Diakonissen-Mutterhaus hatte die Geschichte der Rotenburger Anstalten von 1905 bis 1955 und seines langjährigen Vorstehers Pastor Johannes Buhrfeind (1872-1950) historisch aufarbeiten lassen. Nach der Auseinandersetzung mit dem Ergebnis dieser wissenschaftlichen Untersuchung hat sich das Diakonissen-Mutterhaus dazu entschlossen, für das Buhrfeindhaus und den Buhrfeindsaal auf dem Mutterhausgelände den ehemaligen Vorsteher der „Rotenburger Anstalten“ als Namensgeber beizubehalten. Diese Bewertung sollte ebenfalls für die Benennung der Buhrfeindstraße gelten.“

Diskussion bei den Grünen – und Rede vor dem Rat der Stadt.

In der Fraktion der Grünen wurde die Petition und auch die Vorlage des Bürgermeisters intensiv diskutiert. Ratsherr Joachim Hickisch bereitete daraufhin einen Redebeitrag vor, dessen Manuskript wir hier wiedergeben.


 

Sehr geehrter Herr Ratsvorsitzender, sehr geehrter Bürgermeister, liebe Ratsmitglieder,

im Namen der Fraktion die Grünen / Bündnis 90 möchte ich zu der Ihnen vorliegenden Petition – Umbenennung der Buhrfeindstraße – Stellung nehmen.

Auch wenn wir es uns wahrlich nicht leichtgemacht haben, die Fraktion spricht sich für eine Umbenennung der Buhrfeindstraße aus! Uns geht es, und das muss an dieser Stelle eindeutig gesagt werden, nicht um eine Diskreditierung der Person von Pastor Johannes Buhrfeind. Nicht jeder Klerikale war in den Zeiten der Schreckensherrschaft ein Löwe von Münster (Bischof Clemens von Galen), oder ein Dietrich Bonhöffer. Niemand in Rotenburg hat sich damals auch nur ansatzweise so verhalten wie die Familie des ehemaligen MdBs Charly von Hammerstein in Bockel, die einer jüdischen Familie Schutz und Unterkunft bot.

Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung„Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“.  („Das Vergessenwollen verlängert das Exil“) Dieser Kernsatz der aufrüttelnden Rede von Bundespräsident Richard von Weizsäcker am 08. Mai 1985 anlässlich des 40. Jahres der Kapitulation des Deutschen Reiches möchte ich in den Mittelpunkt unserer Begründung stellen. Von Weizsäcker, – hoch dekorierter 2. Weltkriegsoffizier, – mit Kontakten zu den Widerstandskämpfern, – zum Ende des Krieges Deserteur, machte in seiner vielgeachteten Rede uns Deutschen bewusst, den 08. Mai 1945 nicht als Niederlage, sondern als Befreiung vom menschenverachtenden System der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft“ zu sehen. In seinem Gedenken, ich verkürze stark, geht Weizsäcker auch auf „die umgebrachten Geisteskranken“ ein, und auch auf diejenigen, die „Leid durch unmenschliche Zwangssterilisation“ erlitten.

Mehr als 200.000 Menschen, im Zeichen der „Rassenhygiene oder Euthanasie“ als „unwerte Leben“ bezeichnet, wurden ermordet, mehr als 350.000 Menschen wurden dabei Opfer von Zwangssterilisation. „Wir alle, ob schuldig oder nicht, ob alt oder jung, müssen die Vergangenheit annehmen. Wir alle sind von ihren Folgen betroffen und für sie in Haftung genommen“. Die offene, kritische Auseinandersetzung mit dem vielfältigen Widerstand und den Verbrechen von zwölf Jahren Gewaltherrschaft der Nazidiktatur ist der bundesrepublikanischen Nachkriegsgesellschaft nicht leichtgefallen, davon war auch der Deutsche Bundestag nicht gefeit, so bei den Debatten um die Rehabilitierung von Deserteuren im 2. Weltkrieg, Herr Bargfrede kann dies als Zeitzeuge / ehemaliger MdB sicher bestätigen.

Auch der Landkreis und die Stadt Rotenburg haben sich lange Zeit mit einer kritischen Aufarbeitung ihres Teils dieser Vergangenheit schwergetan, zum Teil bis in die Gegenwart. Ich erinnere (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) an die unsäglichen Versuche der damaligen Kreistagsmehrheit und des OKDs, die Einrichtung einer Gedenkstätte in Sandbostel auf dem Lagergelände des Kriegsgefangenlagers / der KZ-Nebenstelle Neuengamme zu verhindern.

  • Ich erinnere an die Stille Hilfe“, die zeitweilig in Rotenburg ihren Sitz hatte und dabei Unterstützung von Personen des öffentlichen Lebens erhielt.
  • Ich erinnere an das langjährige Hissen von verbotenen Reichsflaggen in unserer Stadt.
  • Ich erinnere an die traurige Standortdiskussion für das Mahnmal für die Opfer der Gewaltherrschaft von Dr. Bantz,
    Hier war die „hintere“ Rathausgasse vorgesehen.
  • Ich erinnere an die beschönigten Äußerungen über das Schicksal der Familie Cohn bis über die Jahrtausendwende hinweg und an den Widerstand gegen den Aufbau der Cohnscheune.
  • Ich erinnere an die noch aktuellen Diskussionen um eine Umbenennung der Lentkaserne.

 

  • Den Toten einen Namen gebenIch erinnere aber auch positiv (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) an die Einrichtung der Gedenkstätte Lager Sandbostel, heute „die“ Vorzeigegedenkstätte für unsere bundesrepublikanische Erinnerungskultur.
  • Ich erinnere aber auch positiv an das Mahnmal für die Opfer der Gewaltherrschaft von Dr. Bantz. Vielfachem Widerstand zum Trotz an exponierter Stelle am Pferdemarkt.
  • Ich erinnere aber auch positiv an die Errichtung der Cohn-Scheune und an die ehrenvolle Entscheidung des Stadtrates, den Opfern des Holocaust einen Namen zu geben, der Cohngasse.
  • Ich erinnere aber auch positiv an die verlegten Stolpersteine in der Fußgängerzone und vor dem Diakoniekrankenhaus.
  • Ich erinnere aber auch positiv daran, dass viele Tote auf der Kriegsgräberstätte auf dem Freudenthalfriedhof jetzt einen Namen erhalten haben.
  • Ich erinnere aber auch positiv an die Pflege des kleinen jüdischen Friedhofes im Imkersfeld.

 

Ich erinnere aber auch an die 547 Rotenburger Opfer von umgebrachten „Geisteskranken“ und ich erinnere an die 335 Rotenburger Opfer von „Zwangssterilisation“. Untrennbar, und das lässt sich nicht wegdiskutieren, sind diese Opfer mit der damaligen Anstaltsleitung verbunden, und diese oblag Pastor Johannes Buhrfeind.

Wir werden uns nicht an der Diskussion beteiligen, ob Herr Buhrfeind in der Skala „überzeugter Ideologe – harmloser Mitläufer“ mit der Ziffer zehn oder o zu bewerten ist. „Zuflucht unter dem Schatten deiner Flügel“, unter dieser Jahreslosung wurde die T4-Aktion von Pastor Buhrfeind abgewickelt. Auch die Rotenburger Werke haben sich lange Zeit mit der kritischen Aufarbeitung des Schicksals ihrer ihnen anvertrauten Bewohner gelassen.


 

 

Michael Quelle stellte 1986 die erschütternden Ergebnisse seiner Forschungen „Die Rotenburger Werke 1933 – 1945“ vor. 1992 gab es dann die Publikation der Werke: „Zuflucht unter dem Schatten deiner Flügel“.  Seit kurzem liegt nun auch die Dokumentation von Uwe Kaminsky „Über das Leben in der christlichen Kolonie: Das Diakonissen-Mutterhaus Rotenburg, die Rotenburger Anstalten der Inneren Mission“ vor. Und, dies darf nicht unerwähnt bleiben: Seit 1987, 42 Jahre nach Kriegsende, gibt es ein Mahnmal für die Opfer in der Nähe der Kirche „Zum guten Hirten“. Fast 250 Bewohner sind von der Deportation als Überlebende zurückgekehrt und haben zum Teil noch über Jahrzehnte wieder in den Rotenburger Werken gelebt. Wir haben uns gefragt, wie es ihnen ergangen ist.

Wer hat sie getröstet? Wer hat ihnen ihre Ängste genommen? Wie haben die Verwandten reagiert? Wie war das Verhalten des Personals, diejenigen, die die Deportation eingeleitet hatten? Wer hat für die überlebenden Opfer Entschädigungen beantragt? Wann wurde die Pflegerausbildung geändert, die schon 1931 von Pastor Buhrfeind entwickelt wurde und, ich zitiere Uwe Kaminsky „das Problem der Abkürzung lebensunwerten Lebens“ beinhaltete? Wie waren die Antworten, wenn nach vertrauten und nun verschwundenen, ermordeten Mitbewohnern gefragt wurde. Das Personal und die Leitung hatte sich ja nicht geändert. Wie war die Situation, wenn beispielsweise ein Krankenhaustransport bevorstand und die Überlebenden wieder in Busse gesteckt wurden oder es näherte sich ein Arzt, vielleicht Dr. Mecke, um eine Untersuchung vorzunehmen? Gab es jährliche Trauerfeiern, Erinnerungen und ein  Aufarbeiten für die Überlebenden?

Ich kann / wir können diese Fragen nicht hinreichend beantworten. Aber, vielfach wurde einfach zur Tagesordnung übergegangen.


 

So hat sich niemand, 40 Jahre lang, für das Schicksal von Erich Paulicke interessiert, einer der Überlebenden der Deportation, bis er über seine Erfahrungen berichten durfte, ihm endlich zugehört wurde. Seine eindrucksvollen Bilder und Plastiken, geschaffen bis zu seinem Tode im Jahre 2007, geben eindrucksvolle Auskunft über das Erlebte. Das Titelbild der eben gezeigten Broschüre entstand nach einem Relief von Erich PaulickeDie Rotenburger Werke haben sich, nach kontroversen und offenen Diskussionen, letztlich für die Beibehaltung des Namens Buhrfeindhaus und Buhrfeind-Saal entschieden.

Die Stadt Rotenburg, der Rat der Stadt, ist aber ausschließlich für die Benennung ihrer Straßen verantwortlich.  Ich zitiere daher nochmals unseren ehemaligen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker: „Das Geheimnis der Erlösung heißt Erinnerung“ „Wer sich der Unmenschlichkeit nicht erinnern will, der wird wieder anfällig für neue Ansteckungsgefahren.“ Entlassen wir Pastor Johannes Buhrfeind als Straßennamen in den endgültigen Ruhestand. Werden wir als Stadt aktiv und geben dafür in Gedenken der Rotenburger Opfer, die lange unter uns gelebt haben, einem von Ihnen seinen Namen als Straßennamen. Wir bitten um Zustimmung zu der Petition und um Umbenennung der Buhrfeindstraße in Erich Paulicke Straße, Überlebender der Deportationen und bis zu seinem Tode 2007 Künstler und Bewohner der Rotenburger Werke.

Lassen Sie uns für diesen Teil der Stadtgeschichte das vermeintliche Licht der Vergangenheit nicht größer und den tatsächlichen Schatten der Vergangenheit nicht kleiner machen!

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit.


Pressereaktionen

Links und Informationen zu Erich Paulicke

Kurzfilm zu Erich Paulicke

Erich-Paulicke_2.mp4


Rede Richard von Weizsäcker: